Labor Entwicklungspolitik Neue Forme(l)n für neue Zielgruppen der entwicklungspolitischen Bildungsarbeit

SMS-Serviette zu fair gehandeltem Kaffee

 

 

 

Versuchsvorbereitung

 

Hintergrund

Um eine neue Zielgruppe wie Moderne Performer anzusprechen, müssen wir nicht darauf warten, dass sie zu unseren Veranstaltungen kommen, sondern müssen aktiv auf sie zugehen. Dies gilt sowohl räumlich als auch für die Inhalte. Um passende Kanäle für diese Ansprache zu finden, hilft es über den Alltag dieser Menschen nachzudenken und darüber, was sie dazu brauchen und nutzen. Wenn wir wissen, was z .B. Moderne Performer brauchen und wo sie es beziehen, haben wir schon eine Auswahl möglicher Orte, an denen entwicklungspolitische Bildung stattfinden kann. Der Erfolg der Aktionen hängt letztlich auch von ihrer Umsetzung ab – aber immerhin ist mit dem passenden Ort ein guter Anfang gemacht.

Also welche Bedürfnisse haben Moderne Performer? Im Fall der hier geschilderten Bildungsaktion kamen wir zu einem ziemlich einfachen, aber offenkundigen Schluss. Sie müssen, wie jeder andere auch… essen und trinken! Sie suchen zum Mittagessen die Kantine  auf oder, wenn sie noch studieren, Mensen und sie besuchen exklusive Bars und Restaurants.

Wir adressierten sie an diesen Orten mit einer thematisch angeknüpften Bildungsaktion. In unserem Fall entschieden wir uns für das Thema Fair-Trade-Kaffee. Um die Aufmerksamkeit der Modernen Performer zu erreichen, suchten wir nach einem Gegenstand der direkt ins Auge fällt und der auf dem Tisch verbleibt – Servietten. Diese gestalteten wir interaktiv, um die Modernen Performer dazu zu motivieren, mehr als einen flüchtigen Blick auf die Servietten zu werfen. Der Ansatz, interaktive Elemente auf Printprodukte des täglichen Bedarfs  zur Verfügung zu stellen, eignet sich für vielen Materialien, Orte und weitere globale Themen.

 

Schritt 1 - Welche Serviette soll es sein?

Wichtige erste Frage noch vor der Auswahl des Designs ist: Welches Format wird die Serviette haben? Dies wird die Darstellung der Bilder bestimmen und den Platz, der zur Verfügung steht. Bars, Restaurants, und Kantinen verwenden vorwiegend die Formate 1/4-Falz und 1/8-Falz.

 

1/4-Falz: Die Serviette wird als Quadrat gefaltet

 

 

1/8-Falz Die Serviette wird als Rechteck gefaltet.

 

 

Diese beiden Formate sind in verschiedenen Größen erhältlich. Das gängigste Format sind 33 cm x 33 cm Servietten.

 

Schritt 2 – Über interaktive Motive nachdenken

Wie wird die Serviette lebendig …

Werbung auf Servietten ist nicht neu. Aber seit ein paar Jahren gibt es einen Trend, die Serviette interaktiv zu gestalten. Beispiele für interaktive Motive sind zum etwa Rätsel und Spiele. Auch (und gerade) bei erwachsenen Zielgruppen wecken solche Spielformen, die aus der Kindheit bekannt sind, Interesse. Hier ist zu denken an: Galgenmännchen, Labyrinth, Sudoku, Schiffe versenken, Kreuzworträtsel und und und.

Neben solchen Spielen sind auch zahlreiche weitere interaktive Varianten der Serviettengestaltung denkbar, zum Beispiel mit Faltfigurenaufgaben oder Quizfragen. Hier ist die eigene Kreativität gefragt.

 
Ein Rätsel als Kurznachricht

In dem hier beschriebenen Bildungsexperiment entschieden wir uns für ein Kurznachrichten-Rätsel. Unsere Idee: Eine Serviette, die wie ein Smartphone gestaltet ist. Die Abmessungen einer Serviette sind denen eines Handys oder Smartphones ähnlich. Also warum nicht einmal eine Kurznachricht auf einer Serviette an den Betrachter schreiben?

 

 

Wir wollten Moderne Performer durch die Serviette neugierig machen, weshalb wir die Kurznachricht ‚verschlüsselten‘. Für die Verschlüsselung nutzten wir ein simples Prinzip. Jedes Handy verfügt über eine Zahlentastatur von 0-9. Diese stehen auch für Buchstaben - zu jeder Zahl gehören drei Buchstaben.

 

 

Da es sehr zeitaufwendig ist, die Buchstaben eines Wortes mit den Tasten 0-9 einzutippen, nutzt jedes moderne Handy ein Worterkennungsprogramm namens T9. Dieses Programm schlägt verschiedene Worte vor, wenn mehrere Tasten gedrückt werden. Die Tasten 4 2 5 5 6 ergeben zum Beispiel das Wort „Hallo“.

Wir verwendeten diesen Mechanismus und machten ein Rätsel daraus.

 

 

Die Aufgabe für den Betrachter besteht darin, die auf der Serviette vorgegebenen Buchstaben in das eigene Handy einzutippen und zu verfolgen, welche Worte das eigene Handy hieraus mittels Worterkennung formt. Wenn die Buchstaben entschlüsselt sind, werden sie folgenden Satz bilden:

 

Genieße Deinen Fair-Trade-Kaffee…und 1,4 Millionen Kleinbauern werden ein besseres Leben haben!

 

Der Satz ist kurz, also muss der Betrachter nicht allzu viel tippen. Gleichzeitig enthält er zwei wichtige Botschaften an Moderne Performer: Fair-Trade-Kaffee hat unmittelbare Auswirkungen auf ProduzentInnen im globalen Süden und wir müssen es nicht nur aus reiner Nächstenliebe tun - Fair-Trade-Kaffee schmeckt tatsächlich sehr gut!

 

Web-Inhalte mit der Serviette verknüpfen

 

Ein weiteres interaktives Element war ein QR-Code, den wir in der Mitte des Smartphone-Motivs einfügten. Ein QR-Code funktioniert genauso wie ein Strichcode auf einem Produkt. Ihre Verwendung ist wirklich einfach: Das Smartphone benötigt einen sogenannten QR Tag Reader (link tzu Internetlinks). Hiermit wird ein Foto vom QR Tag gemacht und das Smartphone folgt selbsttätig dem enthaltenen Link direkt zu der entsprechenden Webseite, die mit dem QR-Code verbunden ist. In unserem Fall war dies eine von uns erstellte Facebook-Seite mit Zusatzinformationen über Fairen Handel.

 

Schritt 3 – Serviettendesign

Allgemeine Beschränkungen und Tipps hinsichtlich der Gestaltung einer Serviette:

- Nicht jedes Wunschmotiv kann auf Servietten gedruckt werden. Eine Serviettenoberfläche ist klein und die Struktur des Serviettenpapiers ist sehr rau. Daher können die Motive nicht so präzise wie auf normalem Papier gedruckt werden. Kleine und detailreiche Motive werden kaum zu erkennen sein. Gleiches gilt für kleine Schriftgrößen.

- Einen breiteren Rand in der Gestaltung vorsehen

 

 

Servietten werden nach dem Bedrucken gefaltet. Das Falten von Servietten erfolgt aus Materialgründen weniger passgenau als bei üblichem Papier. Dies bedeutet, dass der Verlauf des Randes von Serviette zu Serviette variieren kann. Ein Motiv, welches  genau bis zu den Rändern der Servietten reicht, wird durch das Falten teilweise verschwinden. Zudem weisen manche Servietten eine besondere Randtextur (Riffelung) auf, die zu einer schlechten Druckqualität im Randbereich führt.

Aus genannten Gründen ist es sinnvoll, einen Rand von ungefähr 1 cm zu den Serviettenrändern beim Design auszusparen, weil in diesen Bereichen die meiste Druckfarbe zu den Rändern verläuft.

 

Schritt 4 – Bestimmung des Verteilungsortes

Entscheidend ist hier, wie viele Moderne Performer den gewählten Ort aufsuchen. Danach richtet sich die Wahl einer bestimmten Art von Bar, Café, Restaurant oder Kantine für die Verteilung der Servietten. Ist die Wahl getroffen, wird die Zustimmung des jeweiligen Geschäftsführers benötigt. Das kann mitunter schwierig sein, da zum Beispiel manche Bars Rahmenverträge mit bestimmten Firmen haben, die auch Produkte wie Servietten und Bierdeckel in diesen Bars zur Werbung nutzen. Dennoch finden sich immer auch Lokalitäten, die kostenlos bereitgestelltes Material wie etwa eine Serviette nutzen.   

Mit unserer SMS-Serviette entschieden wir uns dazu, die Mensen technischer Fakultäten der Universitäten anzusprechen. Wir wählten diesen Ort, nachdem wir in unseren Umfragen festgestellt hatten, dass es viele Moderne Performer unter den Studierenden der Ingenieurs- und Naturwissenschaften gibt. Daher sind die Mensen technischer Universitäten Orte mit einer hohen Dichte an Modernen Performern. Auch boten beide Universitäten Fair-Trade-Kaffee an, was in unserem Fall ein sehr wichtiges Kriterium war (weil sonst der Slogan über Fair-Trade-Kaffee sinnlos gewesen wäre).

Zur Kontaktaufnahme schickten wir zuerst ein Informationspaket an die Mensen, welches das Design und eine Beschreibung der Bildungsaktion, sowie eine Beschreibung unserer Organisation enthielt. In einem zweiten Schritt kontaktierten wir sie telefonisch und diskutierten offene Fragen. Zu guter Letzt vereinbarten wir ein persönliches Meeting mit der Geschäftsführung der Mensen.

 

Schritt 5 - Bedrucken der Servietten

Digital- vs. Flexodruckverfahren

Es gibt zwei Methoden, Servietten zu bedrucken: Digitaldruck oder Flexodruck. Der Digitaldruck ist dem Druck mit unserem Drucker zu Hause sehr ähnlich. Dabei wird ein digitales Bild einzeln auf ein Material gedruckt.

Beim Flexodruckverfahren hingegen stellt die Druckerei eine Metallplatte als Abbild des Texts oder Bilds her, die sie als Standardform für das Bedrucken tausender Exemplare mit demselben Motiv verwendet. Daher ist Flexodruck anfangs ein wenig teurer, aber er wird viel günstiger, wenn wir viele Servietten bedrucken wollen. So kann auch eine höhere Stückzahl schlussendlich günstiger bedruckt werden. In unserem Fall hatten wir die Wahl, 500 € zu investieren und 500 digital bedruckte Servietten zu erhalten oder 800 € zu bezahlen und  30.000 Servietten im Fexodruck zu erhalten. Für ein minimal größeres Budget erhielten wir also eine enorm große Anzahl von Servietten.

 

Eine große Packung

Servietten haben pro Stück viel größere Abmessungen als zum Beispiel ein Flyer. Multipliziert mit ein paar Tausend Stück, werden die Servietten also sehr viel Platz einnehmen. 30.000 Servietten nehmen ein Volumen von mehreren Euro-Paletten ein. Sie werden also nicht in ein einziges Auto passen und können schon gar nicht per Hand transportiert werden. Am besten ist es daher, Absprachen mit der Bar, dem Restaurant oder der Mensa zu treffen und die Servietten direkt von der Druckerei dorthin liefern zu lassen.

 

Schritt 6 - Online-Inhalte erstellen

Jede Art von Online-Inhalt kann mit einer Serviette verlinkt werden. Eine Facebook-Seite ist aus mehreren Gründen eine gute Möglichkeit, Online-Inhalte zu präsentieren:

- Sie ist einfach einzurichten und erfordert kein IT-Fachwissen

- Eine Facebook-Seite zu verbreiten und zu vernetzen ist sehr einfach, wodurch sich die User untereinander ebenso auf die Seite aufmerksam machen können.

In unserem Fall verwendeten wir für die Serviette eine Facebook-Seite, die bereits im Rahmen anderer entwicklungspolitischer Bildungsaktionen eingesetzt wurde. Dadurch konnten Moderne Performer, die die Seite wegen der Serviette besuchten, sich nicht nur über Fair-Trade-Kaffee, sondern auch über andere Themen der Nachhaltigkeit wie Mobilität, IT, etc. informieren.

 

 

 

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